Vertrauen in die Entfaltungsmöglichkeiten des Lebens

Wie gefährlich ist das denn?

Wie gefährlich ist das denn?

Aus der Schatzkiste der Ermutigungspädagogik (Veronika Seiler)

Gartentag, bei dem Wetter…! Einige Jungs beschäftigen sich ausführlich mit den Holzabschnitten und ein paar Brettern. Sie entdecken, dass man auf dem leicht abschüssigen Weg hinter dem Haus die Abschnitte rollen lassen kann. Und wenn man sich auf die Bretter setzt, kann man sogar fahren. Und: Wenn man das Brett mittig auflegt, gibt es eine Wippe… Das ist spannend! Ich schaue zu. Ich weiß, dass die Kinder gerade direkt an der „unsichtbaren Grenze“ spielen. Wenn sie auf diese Art weiterspielen, rollen sie nach und nach in den „unerlaubten“ Bereich. Aber genau hier ist der Boden leicht schräg… dieses Spiel geht nur hier! Ich weiß auch, dass die Kinder sich ganz schön weh tun könnten: sich die Finger einklemmen, sich aus Versehen gegenseitig das Brett um die Ohren hauen, einen Spreißel einziehen… Ich wäge ab – und entscheide mich, weiterhin still zu beobachten. Jetzt weint einer der Jungs. Ein anderer hat ihm wohl aus Versehen weh getan – der verzieht sich ein paar Schritte an die Hauswand. „Ich wollte das nicht!“ . Ein Kind weint, weil es ihm weh tut, eines weint, weil es nicht weh tun wollte, die anderen beiden schauen aufmerksam, dann kümmern sie sich um den Verletzten. „Blutet es?“ – Nein, das tut es nicht. Es geht schon wieder. Sie wissen nicht, was sie mit dem anderen traurigen Jungen machen sollen, schließlich geht einer hin. „Du wolltest das nicht. Du kannst nichts dafür.“ – Es zieht sich eine Zeit lang: Der eine trauert, die anderen trösten – schließlich spielen drei Jungs weiter, der Traurige bleibt an der Wand zurück und beobachtet. Es dauert gefühlte 5 Minuten, bis er sich wieder zu den rollenden Brettern traut. Genau in dem Moment, als er sich drauf setzt, rutscht das Brett ein paar Zentimeter nach unten. Und der Junge saust zurück zur Wand. Hier bleibt er lange! Bis jetzt habe ich nur beobachtet. Und das werde ich auch weiterhin tun, entscheide ich. Alles, was ich jetzt sagen würde, würde die ganz persönliche Erfahrung der vier Jungs verändern… und zwar durch meine Bemerkungen, oder sagen wir: Einmischung – in meine Richtung, nicht in ihre. Bis jetzt haben sie ja immer eine gute Lösung gefunden. Das Kind an der Wand wird mit Kommentaren in das Spiel mit einbezogen. Es ist dabei. Und nach langer Zeit spielt es auch wieder ganz praktisch mit.
Das haben die Jungs gelebt: Kreativität und Neugierde; Neues gelernt über schrägen Boden; sich einfühlen in zwei Kinder, die aus unterschiedlichen Gründen weinen; Selbstwirksamkeit bei der Lösung der rollenden Baumstämme, der weinenden Kinder und des traurigen Jungen.
Das habe ich mal wieder erlebt: Vertrauen üben! Mir klar machen, was als Schlimmstes passieren kann und mir überlegen, ob ich das verantworten kann; aufmerksam beobachten und mich in die Kinder einfühlen. Entscheiden, dass eine Grenze nicht immer starr ist. Jeden Moment aufs Neue entscheiden, ob ich „nur“ beobachte oder mich aktiv einschalte.
Wenn mich jemand beobachtet hat, meinte er wohl „Pädagogin sein: Wie gemütlich!“ Wer meine Gedanken und Gefühle miterlebt hätte, sagte vielleicht: „Kinder beobachten – was für eine Arbeit!“
Eine schöne, wunderbare, bereichernde!!

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