Schreien und Schweigen

Geburtstagsfeier am vorletzten Tag vor den Ferien, Kindergartenkinder und Team des Telos-Kinderhauses/Utting sind ferienreif. Wir singen, wir wünschen gute Wünsche… und dann ist es Zeit für den Kuchen. Ich frage das Geburtstagskind: „Möchtest du jetzt den Kuchen verteilen?“ Als das Kind „ja“ sagt, schreien im nächsten Moment viele Kinder auch „JA!“ – mit langem „AAA“, das sich in Sekundenschnelle ins unermesslich Laute steigert. Meine einzig mögliche Reaktion ist, mir die Ohren zuzuhalten. Nach ca. 5 Sekunden ist der Spuk vorbei, ein älteres Kind beginnt vor lauter Schreck zu weinen. Ich bin ganz verstört – und sehr ärgerlich. Es ist wie ein körperlicher Schmerz. „Ich bin sehr ärgerlich. Das war viel zu laut!“ Ich nehme den Kuchen, stelle ihn vor die Türe. Die Kinder sind sprachlos. Meine innere Anspannung, die sich vor lauter Lautstärke in mir aufgebaut hat, will sich in Schimpftiraden Luft machen – als ich die Stille der Kinder höre, atme ich tief und  – schweige.

Wir schweigen lange. Einige Minuten lang. Dann sage ich: „Jetzt singen wir ein paar Lieder und dann gibt es den Kuchen.“ Singen beruhigt. Nach zwei Liedern meint ein Kind: „Da pfeift was in meinem Ohr – komisch!“  Nur kurz erkläre ich, dass das Pfeifen vom lauten Schreien vorher kommt und dass das Hören durch Geschrei und Lärm ein bisschen kaputt gehen kann. Und dann essen wir gemütlich Kuchen.

Veronika Seiler, Telos-Ermutigungspädagogin

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