Winter wird’s

Winter wird es und die Kinder haben schon wieder ihre Schneeanzüge, dicken Matschhosen, gefütterten Stiefel, Schal, Mütze, Handschuhe dabei. Ein ganz schöner Aufwand, das alles anzuziehen. Die meisten tun es einfach: Hose und Jacke oder Schneeanzug anziehen, Mütze auf, Handschuhe  an – ach ja, davor wäre es gut gewesen, die Schuhe anzuziehen… also Handschuhe wieder aus. Mittlerweile wird es warm im Flur. Manches Gemüt erhitzt sich. Und manche wollen sich schon gleich gar nicht anziehen.

Liegt es am großen Aufwand, den das Anziehen im Winter bereitet? Oder an der Kälte draußen? Oder an der Enge, die die Winter-Klamotten (im Gegensatz zu den leichten, luftigen Kleidern im Sommer) bereiten? Wir wissen es nicht. Jedenfalls sind es fast jeden Tag ein paar Kinder, die am Garderobenbänkchen hocken, sich hinter die restlichen Klamotten verstecken, oder die ganz offen sagen „ich will nicht raus“.

Am Mittwoch mussten die Kinder, die kurz davor vom Reiten (2,5 Stunden im Freien) zurückkamen, nicht in den Garten. Hmmm… „mussten“ schreibe ich. Ja, in der Tat haben wir uns im Team wieder daran erinnert, dass wir im Winter mit den (Kindergarten-)Kindern einmal am Tag Luft schnappen wollen. Das ist unsere Regel. Die anderen (Nicht-Reit) Kinder „müssen“ also in den Garten.

Ich denke mal laut nach und orientiere mich dabei an den Regeln, die entsprechend der Ermutigungspädagogik im Falle eines „Trotzanfalles“ anzuwenden sind (nachzulesen in: „Die Trotzphase gibt es nicht“, Veronika Seiler, ISBN 9783739233673)

– Ist das Kind neugierig? Will es Neues ausprobieren -> könnte sein, ja. Nämlich: Wie verhalten sich die Erwachsenen diesmal, wenn ich nicht will? Wie fühlt es sich an, ohne Jacke im Garten zu sein? Und vieles mehr.

– Das Kind macht „Ich-Du“-Erfahrungen -> na klar! Ganz deutlich spüren diese Kindergartenkinder unseren Erwachsenen-Willen, dass sie in den Garten sollen!

– Das Kind möchte eigene Erfahrungen machen, seine eigene Persönlichkeit leben -> Ja, das tun diese Kinder in diesem Moment wirklich…!! Nur: Wir wollen, dass sie in den Garten gehen!

– Das Kind macht die Erfahrungen, „Macht“ zu haben, etwas zu bewirken -> oh ja! Und was für eine Macht die haben!

– „Das Kind erlebt seine Umwelt als machtvoll und schöpferisch tätig.“ Ich zitiere weiter: „Das Kind erlebt nun in seiner Entwicklung immer wieder, dass es einen „Willen“ gibt, der von ihm oder anderen gelebt wird. Dieser Wille kommt nicht von ungefähr und unvermittelt auf das Kind zu, sondern jemand denkt sich etwas dabei und will es durchführen. Nicht irgendwie willkürlich, sondern mit Sinn und Zweck…“ -> „… mit Sinn und Zweck“: Vielleicht fehlt diesen Kindern der Sinn und Zweck? Vielleicht haben sie das Thema „gesund durch frische Luft“ noch nicht verstanden? Und fühlen einfach das Unwohle der Kleidung/Kälte/vieles Anziehen?! Ich zitiere etwas später weiter: „Gute“ Entscheidungen, die jemand seiner „Macht“ entsprechend getroffen hat, akzeptiert das Kind gerne – weil sie verlässlich sind, weil sie eine Stütze im Verstehen der Welt sind, weil sie Sicherheit geben.“ -> Möglicherweise hat die Sicherheit gefehlt?

Im Buch geht die Liste noch weiter. Für mich erschließt sich bereits hier die Lage der Kinder: Es fehlte die Verlässlichkeit. Denn im Sommer und Herbst hatten die Kinder heuer sehr großen Einfluss, die Gartenzeit selber zu gestalten; zu entscheiden, wann sie wie lange hinausgehen. Denn: Es wollten ja alle mindestens einmal am Tag hinausgehen. Es war also gar nicht nötig, eine Regel aufzustellen, dass man einmal am Tag hinausgehen muss.

Die (für diese Kinder!) neue/bzw. vergessene (Winter-) Regel, dass man mindestens einmal hinausgeht, ist ihnen fremd.

Fazit für uns Pädagog*innen im Telos(R)-Kinderhaus in Utting: Diese Regel müssen wir ganz dringend den Kinder mitteilen! Klar und sachlich. Bevor wir in der Garderobe hocken! Dann ist der „Regel-Rahmen“ vorgegeben, dann kennen ihn die Kinder – und dann können sie innerhalb dieses Rahmens entscheiden: „Schneeanzug oder Jacke“ (wenn sie beides dabei haben), „Anziehen mit Erwachsenen-Hilfe oder alleine“, „Schuhe im Haus anziehen, Jacke erst draußen (um einen Hitze-Stau zu vermeiden) oder gleich alles im Haus“ und vieles vieles andere. Dann dürfen sie ihre „Macht“, ihr Bedürfnis nach „selber“, nach „ich weiß doch, was mir gut tut“ innerhalb dieser geltenden und dann bekannten Regel leben.

So eine Freitagsmail ist doch ganz hilfreich, um im Schreiben manches Verworrene klar zu bekommen! (Die Telos-Eltern bekommen fast jeden Freitag eine Info-Mail…)

Veronika Seiler, Telos(R)-Ermutigungspädagogin

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