Zu jung sein?

Versammlung im Kindergarten mit über 20 Kindergartenkindern und einer Handvoll Krippenkindern, die heute dazu Lust haben. Dabei ist auch unser jüngstes Krippenkind. Es hat heute einen super tollen Begleiter und Beschützer, ein Vorschulkind. Als das junge Krippenkind auf die Bank (ohne Lehne) krabbelt, hält er schon schützend seinen Arm hin. Ich zeige ihm, wie er nun mit seinem Arm eine Art Lehne für das junge Kind halten kann. Sehr sorgsam macht er das! Nur, das junge Kind hat kein Sitzfleisch. Kaum hat die Versammlung mit dem Stille-hören begonnen, rutscht es schon wieder von seiner Bank herunter und läuft im Kreis herum. Die anderen Kinder lächeln und lachen.

Eigentlich sehr nett… aber… Eigentlich auch sehr störend!!!

Da ich heute erst zur Versammlung zu den Kindern gekommen bin, weil ich bis dahin im Büro war, habe ich noch kein so rechtes Gespür für die Kinderschar. Ich schaue also suchend, wie sich meine Kolleginnen verhalten. Sie lassen das ganz junge Kind gewähren. Also, dann wird das wohl so seine Richtigkeit haben.

Die Versammlung geht weiter. Mal geht das junge Kind im Kreis herum, mal klettert es mühsam die Bank hinauf, mal will es zu seiner großen Schwester, mal sitzt es auf seinem eigentlichen Platz. Ehrlich gesagt, mich (die ich heute die Versammlung leite) nervt es jetzt schon zunehmend mehr.

Ist eigentlich ein junges Kind zu jung, um einige Zeit ruhig auf einem einmal gewählten Platz sitzen zu können?

Wann beginnt der Zeitpunkt, ab dem man fordert (fordern darf?) eine bestimmte Regel einzuhalten? Irgendwann geht es mal los damit.

Ich beschließe, dass genau heute und jetzt der Tag ist, an dem es losgeht. Ich gehe hin zum jungen Kind, gehe in die Hocke, berühre es leicht am Arm, schaue ihm direkt und freundlich in die Augen. So, dass es merkt, jetzt kommt was Wichtiges! Es schaut mich mit großen Augen an, als ich sage „Bleibe sitzen. Jetzt ist Versammlung.“ Während es sich setzt, schaut es mich immer wieder an – ich schaue aufmerksam und freundlich zurück und nicke. Das Kind bleibt den Rest der Versammlung sitzen.

Es geht einfach immer viel schneller mit dem Groß-Werden, als gedacht. Da müssen wir jeden Moment ganz schön aufpassen, wir Erwachsenen, dass wir nicht versäumen, die Regel einzufordern, bzw. eine nun mögliche Erlaubnis auszusprechen, BEVOR unser Kind selber gemerkt hat, dass es reifer geworden ist! Bei ersterem (Regel nicht einfordern, wie „Schuhe alleine anziehen“, „leise sein, wenn Eltern telefonieren“, „Brot selber streichen“, „Zimmer alleine aufräumen“, … ) droht Verwöhnung. Bei zweitem (mögliche Erlaubnis nicht aussprechen, wie „länger aufbleiben“, „einen kleinen Geldbetrag selbstverwaltet für Süßkram ausgeben“, „Gehsteig alleine überqueren nach entsprechender Übung“…) droht Machtkampf.

Was also tun?

Auf die Überholspur gehen und einfach mal so tun, als ob das Kind schon 2 Jahre älter ist.

Viel Freude dabei!

Veronika Seiler, Telos(R)-Ermutigungpädagogin

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