Lange-Weile“, aus der Ermutigungspädagogik praktisch:

In einem Elterngespräche bin ich im Telos-Kinderhaus vor einiger Zeit auf das Thema „Langeweile“ gekommen.

Ich persönlich kann mich noch so gut erinnern, wenn es mir als Kind langweilig war. Das war richtig ätzend. „Mama, mir ist langweilig!“ haben auch meine eigenen Kinder mir immer wieder vorwurfsvoll mitgeteilt – als ob ich dafür verantwortlich wäre!

Das geht vielen Eltern wohl ähnlich wie mir als Mutter.

Mittlerweile habe ich schon sehr oft beobachten können, wie sich aus einer richtigen Langeweile Kreativität, Fantasie und Neues entfaltet. Im Elterngespräch habe ich dazu ein Beispiel erfunden:

Ein Kind langweilt sich. Es liegt am Boden herum. „Mama, mir ist langweilig!“ „Ja“ sagt die Mutter. Das Kind rollt am Boden hin und her, hin und her…. „Mama, mir ist immer noch langweilig!!“ – „Ja, ich habe es gehört“ sagt die Mutter neutral bis liebevoll. Das Kind rollt hin und her – die Langweile breitet sich förmlich im ganzen Zimmer aus. Die Hände des Kindes greifen beim Rollen auf dem Rücken auf die rechte Seite auf den Boden – und ergreifen etwas: Was ist das? Ach ja, der herumliegende Bauklotz. Es dreht ihn vor seinen Augen hin und her und betrachtet ihn. Es greift mit seiner anderen Hand auf die Seite – vielleicht liegt ja dort auch etwas herum? Es fühlt… nichts… doch da: Etwas Kleines! Eine kleine Tannennadel – wie die da wohl hin kommt? In der einen Hand den Bauklotz, in der anderen Hand die Tannennadel liegt das Kind rücklings am Boden und betrachtet die beiden Teile in seinen Händen: Tannennadel und Bauklotz. „Ich war auch mal im Wald. Im Urlaub. Ich sehe die großen Bäume vor mir…“ denkt es. Plötzlich kommt dem Kind das Bild der Leiter über das Kuh-Gatter in den Sinn. „Da mussten wir drüber klettern…“ Es setzt sich auf. Es legt die Nadel auf den Bauklotz, schiebt die Nadel so und so herum… UND beginnt zu bauen. Aus der in diesem Moment geplanten Zaunanlage für Kühe wird im Laufe des Bauens eine Startrampe für Dinosaurier, die zum Mond wollen…

Langweile ist dann sinnvoll, wenn wir alle gemeinsam sie aushalten und sie zur Langen Weile wird! Sämtliche elektronischen Geräte hindern diesen Vorgang (was nicht heißt, dass ein Kind – je nach Alter – ab und zu sich damit beschäftigen kann). Hilfreich ist es, wenn ein kleines bisschen „Un-Ordnung“ oder sagen wir besser „Möglichkeit, die Fantasie entfalten zu lassen“ vorhanden ist. Dazu reicht ein kleiner Bereich: Vielleicht eine Decke am Boden, auf der das Kind ein paar Sachen (Stöcke von draußen, ein paar Duplo-Steine, ein paar Spieltiere…) herumliegen lassen darf. Wenn wir die Lange Weile gemeinsam aushalten – entfaltet sich Neues, weil die Kreativität – die im Kind genauso, wie in uns Erwachsenen vorhanden ist! – Raum und Zeit bekommt.

Dann entstehen auch sinnvolle, hilfreiche Dinge und Gedanken, die bisher noch niemand gedacht und getan hat – und das ist es doch, was wir brauchen, oder?

Veronika Seiler, Telos-Ermutigungspädagogin

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