„Wer findet mich? Oder: Der Flug in die Freiheit (aus dem Alltag einer Ermutigungspädagogin)

:Zum Abschluss des Vormittag spiele ich mit den Kindergartenkindern im Garten das Spiel „Gefangen sind die Vögelein“, das sie sich gewünscht haben. Bei dem Spiel sind im Wechsel ein paar Kinder die Vögelein, die nach einiger Singerei aus dem Käfig (Kreis der anderen Kinder) entlassen werden und in die Freiheit davon fliegen. Wir spielen das Spiel drei Mal, dann waren alle dran und wir machen uns daran, ins Haus zu gehen. Ein Kind hat seine Handschuhe vergessen und eilt nochmal mit Bruder zurück zum kleinen Gartenhäuschen. Von dort bringen sie ein drittes Kind mit. Hmmm, das war mir wohl entgangen, dass es nach dem Vögelein-davon-fliegen nicht mehr in den Kreis gekommen war. Gut, dass wir zum Ende der Gartenzeit immer nochmal durch den Garten schauen!

Als das junge Kind in meiner Nähe ist, sage ich: „Das war nicht der Sinn, dass du weg bleibst! Du musst immer gleich wieder in den Kreis kommen.“ Ich drehe mich um und sage „jetzt gehen wir ins Haus zum Essen“. Nach ein paar Schritten merke ich, dass das junge Kind nicht kommt sondern abdreht. Ich gehe zurück – da sitzt es bedröppelt auf dem Garten-Podest und weint. Als ich näher komme, rennt es noch weiter weg und setzt sich hinten im Garten auf eine Kinderbank. Na, was ist das denn?! Ich glaube, da hat jemand was in den falschen Hals bekommen. Und plötzlich verstehe ich: Das war doch das Vögelein, das endlich in Freiheit war! Das kann doch nicht einfach so, normal, wieder in den Kinderkreis gehen, als ob nichts geschehen wäre! Geschweige denn, dafür, dass es endlich in Freiheit ist, noch ermahnt werden!

Ich habe Sorge, dass das Kind, wenn ich das Falsche sage, noch weiter weg rennt. Im Näherkommen suche ich etwas zum Erzählen: Hier – das vom Wind zerzauste Tomatenhaus! „Guck mal!“ sage ich Vorbeigehen zum Kind „das Tomatenhaus ist ganz kaputt. Das müssen wir bald reparieren.“ Ich lege ein Brett anders hin, drehe mich um, halte dem Kind die Hand hin und sage freundlich „komm!“. Hand in Hand gehen wir schweigend und wohlgesinnt ins Haus. Allein mein innererer Stimmungswandel, weg vom Ärger, hin zum Verständnis, ist beim Kind angekommen.

Da hab ich doch gerade noch die Kurve gekratzt und es ist mir gelungen, in den Schuhen des Kindes zu gehen – hmmm, hier vielleicht besser: „mit seinen Flügeln zu fliegen“.

Veronika Seiler, Telos-Ermutigungspädagogin

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